Bericht von der Balkanroute

1. April 2019; Kategorien: Migration

Obwohl man aufgrund der medialen Berichterstattung zu einem anderen Schluss kommen könnte, ist die Balkanroute nicht geschlossen. Es haben zwar viele Länder ihre Grenzen mit Zäunen verstärkt und die Präsenz der Grenzkontrollen verstärkt. Doch Mauern und Zäune haben Menschen noch nie an der Flucht gehindert.

Und auch die Repression an der Grenze hält niemanden von der Flucht ab, egal wie häufig die Geflüchteten getreten und barfuss im verschneiten Wald ausgesetzt werden. Sie gehen so lange auf “The Game”, wie sie die Tortur nennen, bis sie es geschafft haben.

Zwischen Heiligabend und Neujahr war ich mit Stefan und Nico Dietrich, Christian Oberholzer und Barbara Baric auf der Balkanroute und sah die Situation mit eigenen Augen. Die Zustände sind schwer in Worte zu fassen, so sprachlos macht die Hoffnungslosigkeit der Gesamtsituation. Es gibt viele Menschen, die Gutes tun und Gutes bewirken, doch es ist alles nur ein Tropfen auf dem heissen Stein. Auch unsere Aktion ändert an der Lage nichts, auch wenn es das Leben für einige Menschen ertragbarer machte.

Wir fuhren am 23. Dezember los. Im Gepäck hatten wir Schlafsäcke und warme Kleider. Nach 16 Stunden Fahrt erreichten wir um halb drei am Morgen Bihać, eine bosnische Stadt nahe der kroatischen Grenze. Dort wurden wir von Anela empfangen. Sie betreibt ein Bed and Breakfast. Ihre Zimmer stellt sie auch den Flüchtenden zur Verfügung, die nicht im Lager der IOM bleiben wollen. Und das ist nur verständlich, im IOM-Lager gibt es schlechtes Essen, kein warmes Wasser, die Decke rinnt und die Betten stehen tagelang im Wasser und sind dementsprechend nass. Vor kurzem sind auch Videos aus den Lagern veröffentlicht worden, auf denen die Geflüchteten von den Lagerwärtern geschlagen werden. Die UNO lässt zu, dass in ihren eigenen Lagern die Menschenrechte wortwörtlich mit Füssen getreten werden.

Die Versorgung in den Lagern ist schlecht. Es fehlt an fast allem. Zusätzlich zu den Schlafsäcken hatten wir auch 12’000 Franken Spenden gesammelt, mit denen wir für das Lager verschiedene Notwendigkeiten besorgten. Wir kauften für das Lager der IOM Heizungen, Hygieneartikel und andere Kleinigkeiten. Für die Geflüchteten kauften wir auch Schuhe, da viele mit alten und schlechten Schuhen herumlaufen mussten.

Und es sind immer noch Tausende auf der Flucht über die Balkanroute. Sie kommen von Syrien, Indien, Pakistan, Marokko. Sie legen Tausende Kilometer zu Fuss zurück. Sie werden missbraucht, ausgebeutet und diskriminiert. Sie wissen, dass sie in Europa nicht das gelobte Land erwartet, sie alle haben Verwandte oder Bekannte, die es bereits geschafft haben und die sie mit Informationen versorgen. Doch das alles nehmen sie auf sich, weil es immer noch besser ist, als das, wovor sie fliehen.

Die letzte grosse Hürde, die diese Menschen auf der Flucht nehmen müssen, ist die EU-Aussengrenze. Sie kommen über den Iran, die Türkei, Bulgarien, Serbien nach Bosnien und wollen dann nach Kroatien. Von da wollen sie dann weiter über Slowenien nach Italien, Deutschland, Frankreich oder Spanien. Doch nach mehr als 5’000 Kilometern bleiben sie kurz vor dem Ziel stecken. Kroatien möchte in den Schengenraum und hat, als Zeichen des guten Willens, die Grenzkontrollen massiv verschärft. Das Land will sich als Wachhund Europas profilieren und hofft damit auf den guten Willen der Schengen-Länder.

Dabei kümmern sich die kroatischen Grenzpolizisten nicht um Menschenrechte und internationale Abkommen. Viele der Geflüchteten berichten von Misshandlungen. Werden sie beim Grenzübertritt erwischt, werden Ihnen die Schuhe abgenommen, Handys werden eingesammelt und entweder zerstört oder für den Eigengebrauch weiterverwendet. Danach werden die Geflüchteten illegal über die Grenze nach Bosnien gebracht und im Wald ausgesetzt. Auch Geflüchtete, die gar nie in Bosnien waren, werden so über die Grenze gebracht, wenn die Polizei sie in Kroatien aufgreift.

In den Medien wird darüber bei uns aber kaum berichtet, genauso wie über die allgemeine Lage. Deshalb finde ich es wichtig und unentbehrlich, dass Stefan Dietrich seit 4 Jahren seine Ferien opfert und dort hilft, wo Hilfe notwendig ist. Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein und ich werde ihn sicher wieder begleiten. Wenn du auch etwas tun willst, kannst du dich unter soz.li/Balkanroute informieren und melden.

Tags: #migration #flucht #balkanroute

Zurück zur Übersicht